Die White Show oder Lyrical Late Night Circus Show findet jeweils am Freitagabend statt. Ihr Ziel ist es, dem zeitgenössisch angehauchten Circus eine Plattform zu bieten. Hier wird mehr Wert auf Inszenierung der Show gelegt und die einzelnen Darbietungen weisen alle eine besondere Note auf. Regie führte Joseph Bouglione. Zum Opening wurde ein grosser Tisch mit mehreren Schminkspiegeln in der Mitte der Manege aufgebaut. Der gesamte Tisch mitsamt Stühlen kann in die Luft gezogen werden und ermöglicht dadurch einen besonderen Effekt.
Im Opening bereiten sich die Artisten am Tisch auf die Show vor. Daraus löst sich die erste Darbietung: Grandpierre Gabriel ist ein Handstandequilibrist, der unglaublich beweglich ist. Sein Auftritt erinnert an einen Balletttänzer und voller Grazie zeigt der junge Ungare wundervolle Handstandkompositionen. Schade nur, dass sein Können durch den Einbau ins erweiterte Opening beinahe zu wenig sichtbar ist. Es folgt der Auftritt von Gabriel Georgiev Hernandez an der Aerial Pole. Der Artist aus der Dominikanischen Republik ist ein wahrer Schlangenmensch. Verbiegungen die man von Klischniggern kennt, baut er an der Pole ein. So hängt er sich beispielsweise mit einem Bein ein, während dem sein anderes hinter seinem Kopf gehalten wird. Ein gewöhnungsbedürftiger Auftritt, der technisch aber auf sensationellem Niveau ist. Im Harlekin-Kostüm jongliert sogleich Aleksandra Sobolieva mit grossen Reifen, die sie auch um ihre Hüften kreisen lässt. Pawel Robert Walczewski arbeitet an der sogenannten Aerial Lamp – ein Vertikalseil mit Lampe am Ende. Besonders schön ist sein Spiel mit einem Licht in seiner Hand, mit welchem er jeweils die Lampe wieder erleuchtet. Wunderschön inszeniert zum Song «Keeping me alive» von Jonathan Roy. Ebenfalls poetisch inszeniert ist die Darbietung von Mateo und Aelia aus Frankreich. Während er mit dem Diabolo spielt, tanzt sie dazu. Egal ob in der weihnachtlichen Inszenierung wie beim Cirque de Noël Neuchâtel, in einer Barszene wie beim Young Stage Festival oder klassisch-elegant wie hier in Budapest – die Kombination berührt und verzaubert.
Chepkyi Mikhailo ist ein aufstrebender Strapatenkünstler aus der Ukraine. Mit seinem Signature-Trick – dem Fallenfallen aus höchster Höhe in die Strapaten – begeistert er die Zuschauer und die Jury gleichermassen. Sven Böker ist seit vielen Jahren als Handstandartist unterwegs. Zuerst zusammen im Duo «Vanessa und Sven» und seit einiger Zeit nun als Solokünstler. Seine Darbietung ist originell inszeniert, in dem er immer wieder mit Sand spielt. Als besonderes Merkmal des Duo Sattelite an den Strapaten dient dagegen ein Hemd. Es wird als Verbindung zwischen ihm und ihr benutzt. Unverkennbar aus dem Turnen kommend, kombinieren die beiden Artisten kraftzehrende Elemente mit einer Portion Sexyness. Die überraschendste Darbietung folgt zum Schluss des Abends. Artem Sherstobitov balanciert verschiedene Holzlatten auf einer drehenden Plattform – ein wenig im Stil von Rigolo aber trotzdem komplett anders. Denn der junge Russe balanciert auf dem wackeligen und sich drehenden Untergrund spektakuläre Handstände aus – grossartig! Erneut am grossen Tisch vereint verabschieden sich alle Artisten noch einmal vom Publikum, das mit vielen fantastischen Eindrücken in die kalte Budapester Nacht entlassen wird.
Text und Fotos: R. Scheibli