Knie – Circus in einer neuen Dimension

«Wir geben uns Mühe, die Tradition in Eurem Sinne fortzuführen!» Mit diesen Worten und mit Blick auf seine Vorfahren, die auf dem neu gestalteten Artisteneingang erscheinen, eröffnet Maycol Knie jun. das diesjährige Programm des Schweizer Nationalcircus Knie. Bei Knie verpflichtet die Tradition zur Höchstleistung und zur steten Innovation. Das einzig Beständige in der über 100-jährigen Geschichte ist die kreisrunde Sägemehlmanege mit einem Durchmesser von rund 13 Metern. Alles andere rundherum wurde und wird dem Zeitgeist und dem Publikumsanspruch entsprechend laufend angepasst. Knie ist damit wohl das einzige Circusunternehmen weltweit, das sich von Jahr zu Jahr von Grund auf neu erfindet, grosse Investitionen in die Erneuerung des Showkonzepts leistet, seinen Wurzeln aber treu bleibt.

Neuer Artisteneingang

Die augenfälligste Neuerung unter der Circuskuppel ist der neu gestaltete, 20 Meter breite Artisteneingang. Die pailletenbestückten roten Samtvorhänge sind LED-Wänden gewichen, die einen auf die artistischen Darbietungen abgestimmten individuellen Background ermöglichen. Im zweiten Programmteil wird der bereits im letzten Jahr eingesetzte LED-Floor in die Manege gefahren. Über der Manege sind die Kinetic Balls weissen Stoffbahnen gewichen. Der sogenannte Magic Chandelier ist zweireihig angeordnet und dient als zusätzliche Projektionsfläche und gestaltendes Element. Zusammen mit der neuen Piste entstehen ganz neue Effekte, wie sie in einem Reisecircus wohl einmalig sein dürften. Der Familie Knie ist es durchaus bewusst, dass zuviel Showtechnik die artistische Kunst in den Hintergrund rücken könnte. Darauf angesprochen entgegnete Ivan Knie nach der gelungenen Première, dass sie bei jeder Nummer sorgfältig abwägen würden, wieviel Showtechnik es verträgt.

Nicht nur visuell fallen die Neuerungen ins Auge, sondern auch auditiv. Zwar wird das Geschehen in der Manege immer noch mit dem Live-Orchester unter der Leitung von Ruslan Fil begleitet, doch auf der neuen Orchesterbühne nimmt es hinter den LED-Wänden auf einem höhenverstellbaren Podium Platz. Das Orchester bleibt dank der neuen Soundanlage selbst aus dem Off ein wichtiger Pfeiler.

Der Tradition verpflichtet

Die artistischen Darbietungen entstammen mehrheitlich den klassischen Circusgenres, erhalten durch die technischen Möglichkeiten aber zusätzliche Effekte. Nicol Nicols & Kimberly Zavatta beeindrucken als Armbrustschützen. Das Besondere ist, dass Kimberly an der Aerial Pole oder sogar im Zahnhang arbeitet, während Nicol zielgenau Ballone und Rosen trifft. Vincent Vignaud im RE präsentiert neue verblüffende Illusionen. Am Luftring arbeitet die CVA-Sonderpreisträgerin Alyona Pavlova klassisch mit Genick-, Fersen- und Risthang. Sehr traditionell sind auch der chinesische Löwentanz und die russische Schaukel der Truppe Wuhan, die 2024 am Circusfestival in Monte Carlo mit einem Silbernen Clown ausgezeichnet wurde. Einen Silbernen Clown dürfen auch Yves Nicols & Ambra Faggioni ihr Eigen nennen. Als Goldmenschen vertreten sie eine uralte Artistendisziplin, die kaum noch zu sehen ist. Antony César an den Luftstrapaten und Valeriia Davydenko als Handstandequilibristin verkörpern ebenfalls klassische aber keineswegs verstaubte Körperkunst in höchster Vollendung.

Im Grunde genommen ist auch die Bauchrednerei eine uralte Kunst. Kaum einer verkauft sie so witzig wie Willer Nicolodi. Sein Gespür für die Komik ist unbeschreiblich. Das Publikum quittiert seine Witze mit schallendem Gelächter. Und auch bei der Clownerie hat Knie wiederum einen Volltreffer gelandet. Der Chilene Matute Alvarez war 2017 beim Circus Nock unter Vertrag. Nun fast 10 Jahre später darf er erneut durch die Schweiz touren und erst noch mit dem Circus Knie. Seine Minik und Gestik entfalten auch im grossen Knie-Chapiteau spontan ihre Wirkung und werden vom Publikum von Beginn weg sehr gut aufgenommen.

8. Knie-Generation

Tradition par excellence sind auch die Pferdedarbietungen der 8. Knie-Generation. Chanel Marie Knie eröffnet das Potpourri in einem Meer von beflügelten Feen, bevor sie nach einem raschen Kostümwechsel die Hohe Schule reitet. Ivan Frédéric Knie übernimmt nahtlos und führt einen Fünferzug vom ungesattelten Pferderücken aus. Selbst wenn rund 2'200 Augenpaare auf ihn gerichtet sind, bleibt er ruhig und konzentriert. Mit einer beeindruckenden Geduld leitet er seine Pferde und weist sie, wenn nötig, mit seiner Stimme zurecht. «Es war der Wunsch meiner Mutter, dass ich diese Darbietung einstudiere. Im vergangenen August habe ich mit dem Training begonnen und später auch noch ein Pony integriert», äussert er sich sehr bescheiden zu diesem Dressurerfolg. Und auch Maycol Knie jun. hat seinen Auftritt. Mit viel Schwung führt er vier Ponys vor, die von Puppen geritten werden. Die Nummer endet mit Da Capo-Pferden von Ivan Knie und stehenden Ovationen.

Doch auch gegenüber neuen Strömungen hat sich der Circus Knie nie verschlossen. Beispiele sind die ukrainische Bingo Truppe, die philippinische Urban Crew im RE oder der Splitting Globe of Speed mit bis zu zehn Motorrädern gleichzeitig in der sich öffnenden Kugel, was Weltrekord bedeutet.

Die zum Programmauftakt eingeblendeten Vorfahren wären stolz auf die Leistung, die Innovation und den Mut der 7. und 8. Knie-Generation. Der Circus Knie erfindet sich durch die Verschmelzung von traditioneller Artistenkunst mit mitreissenden Dance Moves und modernen audiovisuellen Showeffekten immer wieder neu, um sein anspruchsvolles Publikum immer wieder von neuem emotional zu berühren.

Bild und Text: Filip Vincenz

Infos und Tickets: https://www.knie.ch/circus/