Zum 48. Mal lädt das Fürstentum zum Internationalen Circusfestival nach Monte Carlo. Bei der diesjährigen Ausgabe des prestigeträchtisten Artistenwettbewerbs sind auffallend viele klassische Disziplinen zu sehen, teils mit weiteren Genres kombiniert. So erlebt das Publikum die Schwert schluckende Lucky Hell, die ihre Kunst nicht nur auf dem Manegenteppich, sondern auch an den Luftstrapaten darbietet. Oder das tansanische Quartett Hakuna Matata auf der Rola Rola, kombiniert mit Bodenakrobatik, gefolgt von Ambra und Yvés als Goldmenschen. Letztere sind schon seit 20 Jahren verheiratet und sorgen für den Schockmoment in der Show A, wenn sich Ambra an den Tüchern in luftiger Höhe aus dem Nackenhang fallen lässt und er sie mit den Fussrücken auffängt. Auch eher eine Seltenheit sind fliegende Meteore. Die Dalian Akrobatiktruppe beherrscht ihren Umgang in höchster Perfektion. Rückwärtssalto von Untermann zu Untermann, im Dreimannhoch oder gar zum Viermannhoch gehören zu ihrem Repertoire. Und wenn sich die 13 Mongolinnen der Lodoi Truppe kontorsionistisch und Pfeilbogen schiessend zu schönen Figuren formieren, dann ist das eine Augenweide pur. Wer schliesslich gedacht hat, dass eine Balljonglage ständig dasselbe ist, lässt sich von Stanislav Vysotskyi eines besseren belehren. Sind die Hände gefesselt, jongliert er bis zu vier Bälle sehr beeindruckend mit seinem Vorderfuss.
Im Gegensatz zu den erwähnten artistischen Retrofits kommt das doppelte Todesrad der Truppe Navas konventionell daher, auch wenn auf dem Aussenrad mit geschraubtem Rückwärtssalto brilliert wird. Konventionell und trotzdem ein artistisches Highlight bildet das fliegende Parallel-Trapez der Flying Fuentes Garcia. Das Timing ist derart perfekt, dass selbst anspruchsvolle Flüge gelingen. Und auch der Vierfache, ausgeführt von Juan Cebolla, landet sicher in den Händen des Fängers – anscheinend bereits zum über 1840. Mal. Angesichts der Tatsache, dass der Vierfache in Monte Carlo zum Standard wird, muss man sich fragen, wann sich ein Artist an den Viereinhalb- oder Fünffachen heranwagt.
Höchst anspruchsvoll und trotzdem geschmeidig ist die Hand auf Hand von Alexandre Shpyn und Elyzaveta Vasylygm. Dasselbe Prädikat gilt für das Duo Gemini am Aerial Pole. Und was wäre ein klassisches Circusprogramm ohne Clowns und Tiere? Der italienische Clown Davis Vassallo beherrscht nicht nur die Akrobatik auf dem Schlappseil, sondern er versteht es auch, ein komisches Orchester mit den richtigen Zuschauern zu besetzen. Sehr temperamentvoll führt Florian Richter eine zügige Freiheit mit 13 Pferden vor. Andrejs Fjodorov führt Tauben mit Hunden zusammen. Und wenn er eine Taube in der Luft Loopings fliegen lässt, so fragen sich die Zuschauenden zurecht, wie man diesem fragilen Geschöpf einen solchen Trick beibringen kann. Wenn sich zum Schluss die Gefieder auf einem Peace-Schild versammeln, dann ist dies nicht nur als Abschluss dieser einzigartigen Nummer zu verstehen, sondern auch als Botschaft des Letten an die Welt.
Wiederum wird auch das Nachwuchsfestival «New Generation» in den Artistenwettbewerb eingebunden. Soery Dell’Acqua präsentiert eine genreübliche Handstandequilibristik. Der uralten chinesischen Artistendisziplin der Schalenpagode hat sich die Truppe Suining angenommen. Die Mädchen im Alter von 12, 15 und 17 Jahren veranlassten das Publikum zu nicht enden wollenden Ovationen.
Text und Bild: Filip Vincenz